Selbstentwicklung

Freundschaften – unser Lebenselixier

Erfahre in diesem Gastbeitrag von Franziska Ambacher von Changeify.de, was Freundschaften über unsere Beziehungsfähigkeit aussagen und wie wir uns im Beziehungsdschungel orientieren können.
 
Nahestehende Menschen zu haben, auf die man sich verlassen kann, die da sind, wenn man sie braucht und gegenüber jenen man sich unverstellt geben kann, gehören zum größten Lebenselixier unseres Daseins. Als soziale Wesen, gerade in Zeiten des digitalen „Freunde-Sammelns“, suchen die meisten unter uns nach diesem betörenden Stoff, der eine unversiegbare Quelle unserer Freude, unseres Glücks und unserem gemeinsamen Zusammenhalt darstellt.
 
Doch wie definiert man Freundschaft und welche Unterschiede können sich ergeben?
 
Genau jene Qualität unserer Beziehungen lassen klare Rückschlüsse zu, wer wir sind und was wir selbst bereit sind von uns zu zeigen.
 

Das Glück der Freundschaft

 
Große Freude kommt in uns auf, wenn wir ein realer Teil einer innigen Freundschaft sein dürfen. Im Gestalten dieser Freundschaften empfinden wir unser tägliches Glück und die Art und Weise, wie wir Beziehungen eingehen, diese pflegen und uns in diesen verwirklichen, hängt von unserer Bereitschaft ab auf andere vertrauensvoll zugehen zu können.
Wer den Schritt ins Vertrauen wagt wird belohnt. Wir stellen unsere eigene Verwundbarkeit hinten an und entwickeln somit Stück für Stück unser Selbstvertrauen. Das heißt, es liegt selbst an uns, ob und wie wir unser Glücklich sein gestalten.
 
Wie betrachten wir den anderen, was fällt uns als erstes bei ihm auf und was könnte uns das über uns selbst mitteilen? Sehen wir das Gegenüber womöglich nur noch als Mittel zum Zweck oder lassen wir uns vorurteilsfrei auf eine andere Sicht der Dinge ein, gerade weil diese Art der Annäherung uns bereichert?
 

Freundschaften waren zu allen Zeiten Thema

 
Bereits in der abendländischen Geschichte wurde viel über gute Freundschaft gesprochen. Aristoteles hat sich um 320 v. Chr. viele Gedanken dazu gemacht und widmete sein 8. Buch der staatsphilosophischen Schriften dem Wert Freundschaft.
 
Er ging soweit, dass ein Leben ohne Freunde sogar als ein gescheitertes Leben anzusehen sei.
 
Vom Klassiker der deutschen Dichtkunst, „Die Bürgschaft“ von 1799 (Friedrich von Schiller), kennen wir jenen Ausspruch gut: „Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der dritte“.
Damit wir uns in einer Gruppe von Freunden integriert fühlen, hängt maßgeblich von unserem Wertegerüst ab. Gibt es Überschneidungen oder sogar Deckungsgleichheit zum Gegenüber, so entsteht aus einer anfänglichen losen Begegnung langfristig wahre und innige Freundschaft.
 

Was ist es, was Freundschaft im Kern zusammenhält?

 
Aristoteles beschrieb die Freundschaft so, dass es sich um eine Tugend handle oder zumindest der Wert Freundschaft mit dieser sehr eng verbunden sei.
Letztlich fragte man sich über Jahrhunderte hinweg, was genau eine tiefe Freundschaft überhaupt ausmachen würde?
 
Friedrich von Schiller gab drei Werte an, die seiner Meinung nach unverzichtbar seien, um gelingende Freundschaften mit Leben zu füllen:
– Liebe
– Treue
– Pflichtgefühl.
 
Mit Pflichtgefühl wird vor allem die Tatsache gemeint, dass eine intensive und belastbare Freundschaft auch gebührend gepflegt und gewürdigt werden müsse.
 
Der Philosoph Kant beispielsweise konzentrierte sich beim Aspekt Pflichtgefühl auf unsere Verantwortung zu freundschaftlichem Respekt: Der Kern einer wahren Freundschaft sei es, eine bewusste Entscheidung zu treffen, nämlich sich gegenseitig in seiner Einzigartigkeit zu achten.
 
Heute sprechen wir viel von Wertschätzung und wissen, dass dieser Wert hauptsächlich zum Gelingen von zwischenmenschlichen Beziehungen verantwortlich ist.
Doch sind wir uns dies im Austausch mit Freunden immer bewusst? Sehen wir diese, je länger wir sie haben, nicht sogar eher als Selbstverständlichkeit an?
 

Drei Freundschafts-Typen nach Aristoteles

 
Aristoteles ging von drei unterschiedlichen Arten der Freundschaft aus, welche uns heute aktueller denn je erscheinen.
Das Kriterium, welches er dazu heranzog, was die jeweiligen Freundschafts-Typen unterscheidet, ist die Motivation, die jemand dazu veranlasst, eine Freundschaft einzugehen:
 
Typus 1:
Menschen sind befreundet, weil sie von einem gemeinsamen Vergnügen angetrieben sind. Deren Motivation besteht darin, gemeinsame Freude und Spaß zu teilen (z. B. Wanderfreunde).
 
Typus 2:
Freundschaft zwischen Freund A und Freund B durch ein geteiltes Interesse im Freundschaftsbund C auszuleben. Als Motivation gibt er das gemeinsame Interesse an, welches die Freunde miteinander teilen (z. B. Parteifreunde, um das gleiche Interesse innerhalb ihrer Partei durchzusetzen).
 
Bemerkenswert dabei ist, dass die beiden Typen 1 und 2 einen nicht zu unterschätzenden Haken aufweisen:
Sobald der geteilte Spaß bzw. das geteilte Interesse nachgelassen hat, kündigen sich nach und nach auch die Freundschaften auf. Ein Konflikt oder sogar ein offener Streit ist nicht selten das Ende der ursprünglichen Beständigkeit von solch beschworenen „wahren“ Freundschaften.
 
Aristoteles gibt zu verstehen, dass es sich hierbei durchaus um Freunde im eigentlichen Sinne handelt, jedoch habe dies nichts mit den sogenannten innigen Freundschaften zu tun.
 
Wohl ein Grund mehr unsere kostbare Zeit nur jenen Menschen vertrauensvoll zu widmen, die wir als wahre Freunde , vielleicht sogar als „Seelenpartner“ betiteln würden.
 

Doch was ist die wahre Freundschaft?

 
Typus 3:
Wahre Freundschaft können nur jene Menschen leben, die „gut“ sind und sich in ihrer Tugendhaftigkeit stark ähneln. Seiner Begründung nach wünschen sich diese Freunde auch gleichmäßig Gutes für einander. Also jemand, der seinem Freund, der Freundin um seiner selbst willen Gutes wünscht.
 
Diese Haltung überdauert daher den Typus 1 und 2, da sie für Beständigkeit, Glaubwürdigkeit und tiefstes Vertrauen sorgt. Menschen die ihr Leben also auf die „bestmögliche Weise“ (das verstand Aristoteles unter Tugendhaftigkeit) führen können, sind diejenigen, die wahre Freundschaft leben werden.
 

Und weshalb ist das so?

 
Weil sich beziehungsfähige Menschen mit voller Leidenschaft für das Gute, das Wahre, das Ideal von Freundschaft einsetzen.
Sie sind offen für zwischenmenschliche Begegnungen und suchen nach diesen proaktiv in ihrem Umfeld.
Es ist die Freundschaft derer, die vom „Guten“ ergriffen sind, das bedeutet ein sehr ähnliches Wertegerüst zu teilen. Ein gutes Leben wäre demnach ein „mit sich im Einklang befindliches Leben“. So definierte es Platon, der Lehrer Aristoteles.
 
Das „Gute“ ist laut der Vorstellung der alten Grieche demnach ein Zustand, in dem aus vielen einzelnen Teilen ein Ganzes wird.
 
Wir würden heute wohl Harmonie dazu sagen.
 

Mit sich selbst befreundet sein

 
Wer wirklich gute Freundschaften pflegen möchte, muss jemand sein, der sehr gut mit sich selbst befreundet ist. In Harmonie und in Achtsamkeit zu unserem eigenen Selbst zu sein, ermöglicht uns demnach erst in wirklich gute Beziehungen zu anderen einzutreten. Andersherum bleibt uns der Blick, das offene Ohr für den wahren Freund für immer verborgen. Die Selbstfürsorge ist letztlich der Kern für die Sorge um den anderen (vgl. Wilhelm Schmid, „Mit sich selbst befreundet sein“, Suhrkamp Verlag, 2007).
 
Der Resonanzboden kommt hier zum Tragen, denn welche Werte mich ausmachen, welche ich kultiviere, werde ich beim anderen auch auslösen bzw. anziehen können. Der daraus entstandene Gleichklang schafft die von uns so ersehnte Stabilität in Beziehungen, die es braucht, um von wahrer Freundschaft profitieren zu dürfen.
 

The big five

 
Diese fünf Faktoren helfen uns Freundschaften intensiver und authentischer gestalten zu können:
 
1. Sich geduldig Zeit lassen, um Freundschaften weiter entwickeln zu können. Mangelnde Zeit führt zu mangelndem gegenseitigen Vertrauen. Herrscht kein Vertrauen, herrscht keine Freundschaft.
 
2. Echte persönliche Begegnungen wieder zum Anstoß zu nehmen, den anderen wirklich in all seinen Facetten kennenzulernen und einzuschätzen. Oftmals sitzen z. B. Kollegen gegenüber, korrespondieren aber nur noch über E-Mails, anstatt Auge in Auge Emotionen wahrzunehmen. So muss auch nicht im Nachhinein verkopft interpretiert werden, was oder wie etwas wohl gemeint sein könnte.
 
3. Sich unverstellt zeigen, so wie wir wirklich sind, gerade am Arbeitsplatz, wo es vermeintlich nur darum geht angepasst zu funktionieren. Ein Gespür für einander zu bekommen gelingt erst durch einen ehrlichen und offenen Umgang untereinander.
 
4. Dem Anderen aufmerksam zuzuhören. Sich auf das Gegenüber einzulassen, bedeutet auch einmal tiefer nachzufragen und die einzelnen Bedürfnisse kennen zu lernen. Private oder berufliche Konflikte beginnen sehr häufig mit kleinen Missverständnissen, die durch ein offenes Visier längst im Keim erstickt wären.
 
5. Loyalität, Stabilität, Wachstum und Weiterentwicklung einer wahren Freundschaft liegen in der Wertschätzung des Freundes, der Freundin. Diese drückt sich vielfältig aus und bleibt dem kreativen Ideenspektrum des Einzelnen überlassen, wie die Wertschätzung gezeigt werden soll.
 
Unsere praktisch gelebte Beziehungskultur zeigt uns demnach genau auf, wie sehr wir uns selbst noch treu bleiben im Umgang mit anderen Menschen.
Freundschaften anzunehmen, zu gestalten oder aufzugeben heißt letztlich auch sich konsequent für die eigenen Werte einzusetzen, denn ein Fähnchen im Wind kennt keinen Kompass und verliert daher schnell die Orientierung im Beziehungsdschungel unserer Welt.

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